Filmkritik: The First Avenger: Civil War

kino_international

Bild: „Kino International“ von Alper Çuğun. Lizenz: CC BY 2.0
Wer Wind sät, wird bekanntlich Sturm ernten. Und so war es im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis sich die Avengers für ihre, wenn man so will, Zerstörungsorgien im Auftrag des vermeintlich Guten verantworten müssen. Die Superheldentruppe um Iron Man (Robert Downey Jr.) und Captain America (Chris Evans) hat sich, so fordert es der US-Außenminister Ross (William Hurt), zukünftig einem Gremium der Vereinten Nationen unterzuordnen, um nur dann tätig zu werden, wenn es die 117 unterzeichnenden Nationen des entsprechenden Abkommens für nötig erachten. Doch das Treffen der Nationen gerät in Wien selbst zur Katastrophe, als ein Anschlag mehrere Todesopfer fordert. Pikante Note: Offensichtlich ist der einstige Cap-Freund Bucky Barnes (Sebastian Stan), nunmehr zum todbringenden Winter Soldier umgepolt, für die Tat verantwortlich. Und die Frage, die alle interessiert, bleibt: Wer kämpft angesichts des Abkommens, das die Heldengruppe merklich spaltet, fortan auf welcher Seite, wer wird vom Freund zum Feind? Der Civil War beginnt…

Der mittlerweile 13. Film des Marvel Cinematic Universe (MCU) beginnt dramatisch, spitzt sich immer weiter zu und endet mit einem tragischen Paukenschlag, der mehr als nur deutlich die Weichen für zukünftige Ereignisse stellt. Willkommen in der dritten Phase des filmischenMarvel-Universums, die mal eben gleich mit einem Krieg in die Vollen geht. Nicht nur so mancher Wolkenkratzer, sondern auch des einen oder anderen Superhelden Seelenleben liegt heuer einem Kollateralschaden gleich in Schutt und Asche auf dem Boden der nicht zu rüttelnden Tatsachen. Keine Frage: Wo gerettet wird, da fallen Späne, zweifellos große Späne, die auch mal die Form von ganzen Städten annehmen können. Doch ziemt sich dies für eine Gruppe von Superhelden, die Leben retten sollen, aber beiläufig zivile Opfer billigend in Kauf zu nehmen scheinen?

Schnell positionieren sich angesichts der neuen Vorkommnisse zwei Lager in der Helden-Truppe mit jeweils divergierenden Ansichten. Während auf der einen Seite des Ringes ein von Schuldgefühlen geplagter Iron Man glaubt, mit einem Abkommen im Rücken fortan deutlich weniger Gewissensbisse bei der täglichen Weltenrettung zu haben, will sich der charismatische Patrioten-StreiterCap niemandem unterordnen, wenn es darum geht, (vermeintlich) Gutes zu tun. Dass sich die Helden hier allesamt von persönlichen Gründen leiten lassen, die zu allem Überfluss auch noch nachvollziehbar erscheinen, macht eine Parteiergreifung für den Zuschauer, der dem Zwist beiwohnt, umso schwieriger. Die Frage, wer hier gut und wer böse ist, verkommt mit zunehmender Laufzeit somit immer mehr zu einer solchen, die zwar gestellt werden darf (und muss), eine Antwort jedoch nicht zwingend erfordert. Dieser Streit wird anders beigelegt, getreu dem Motto: Und bist du nicht willig,….

Wie sich das Geschehen schließlich auf dem Leipziger Flughafen entlädt, wenn sich die beiden nunmehr verfeindeten Lager gegenüberstehen (und -fliegen), ist eines der Highlights in einem nicht mit Highlights geizenden Comic-Blockbuster, der nicht nur das Auge, sondern auch das Hirn verwöhnt. Wir befinden uns wohlbemerkt erst in der Mitte des Films, und dennoch wird hier ein Quasi-Finale mit überraschenden Einfällen, krachender Action und stimmigen One-Linern kredenzt, das endlich mal keine Wolkenkratzer mehr oder minder fachgerecht zerkleinert. Stattdessen dürfen mit Neuzugang Spider-Man (Tom Holland) und Ant-Man (Paul Rudd) zwei Superhelden gehörig auftrumpfen, wobei vor allem Letzterer kurzzeitig vergessen macht, dass ja eigentlich noch ein Hulk zur illustren Truppe gehört. Großartig, wie ein jeder Recke ungezwungen seinen besonderen Moment spendiert bekommt. Hier zeigen sich die Regie führenden Russo-Brüder action-technisch einmal mehr auf der Höhe der Zeit und entfachen ein wahres Feuerwerk, das auch von der Action-Fotographie absolut überzeugt. Denn die vielerorts kritisierte, nichtsdestotrotz Übersicht wahrende Wackel-Kamera aus dem Vorgänger weicht bereits nach knapp 45 Minuten einer etwas angenehmeren und blockbuster-tauglicheren Herangehensweise, was die unzähligen Gegner von hektisch-dynamischer Inszenierung milde stimmen dürfte.

Milde greift als Adjektiv übrigens eher nicht für den Antagonisten, der scheinbar absolut gefühlskalt Gewalt anwendet und Leben nimmt, um sein Ziel zu erreichen. Doch weit gefehlt: In der Welt von Marvels „CIVIL WAR“ kann selbst ein Bösewicht noch überraschen, wenn er letzten Endes seine Motivation offenlegt. Was diese ist, darf jeder bitte im Kino selbst herausfinden, ebenso, um wen es sich bei dem Fiesling handelt. Sicher ist einzig: Die Begründung wirft nicht nur (Moral-)Fragen auf, die auch nach dem Abspann noch unbeantwortet im Raum schweben, sondern lässt abermals in den 146 Minuten Laufzeit die Attribute Gut und Böse in der Waagschale der Gerechtigkeit einen Kampf austragen, über dem allzu drohend ein Damoklesschwert schwebt, geschmiedet aus Schuld, Sühne und Verantwortung. Und die Russos tun wahrlich gut daran, keinen klaren Sieger zu präsentieren, sind sie doch die unparteiischen Schiedsrichter in einem Spiel der Eitelkeiten und konträren Ansichten, bei dem gar nicht entscheidend ist, wie es ausgeht, sondern vielmehr, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Ob es so weit kommendurfte.

Das ist überraschend harter Tobak für einen Superhelden-Film, doch es ist ein fraglos guter Stoff, von dem hier fast 2 ½ Stunden gezehrt wird. Herauskommt in jedem Fall der gelungene Avengers-Film, der „Age of Ultron“ immer sein wollte: Ein gleichberechtigter Schlagabtausch, in dem auf offensichtliche Alibi-Auftritte weitgehend verzichtet wird und jeder einzelne Superheld mindestens einen großartigen Moment für sich beanspruchen darf. Auch wenn immer noch vordergründig Steve Rogers Geschichte fortgeführt wird.

Fazit: Mit der legendären, anspruchsvollen Comic-Storyline von Mark Millar und großartigen CGI-Effekten von nahezu 20 (!) unterschiedlichen Studios im Handgepäck, empfehlen sich die Russo-Brüder spätestens jetzt vollends für den nahenden, zweigeteilten Infinty War, der unter Beibehaltung dieser Marschrichtung eigentlich nur großartig ausfallen kann.

von Stefan Rackow (Kritiker bei mannbeisstfilm.de)

3 Kommentare zu “Filmkritik: The First Avenger: Civil War

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.